04.11
In Rezensionen | Tags: armbrust, assassine, belletristik, bogen, buch, fantasy, kampf, könig, magie, mörder, schatten, schwert, weeks
Kürzlich durfte ich mir von GhostLyrics das Buch “Der Weg in die Schatten” von Brent Weeks ausleihen. Binnen eines Tages habe ich mich durch die knapp 700 Seiten Action gelesen und am Ende mit ernstem Schlafmangel zu kämpfen – zwar nur bedingt wegen des Buches, es trug aber auch nicht unbeträchtlich dazu bei. Der Kollege wies mich beim Chat über die Stärken, Schwächen und die im Juli erscheinende Fortsetzung des Buches auf seine Rezension hin und ließ durchblicken, dass ein Kommentar von meiner Seite erwünscht wäre. Aus dem kurz gedachten Kommentar wurde ein längerer Text, den ich in Notepad++ weiterschrieb um ihn schlussendlich eines armseligen Daseins als Kommentar für unwürdig zu erachten. Ein Trackback wird demnach wohl alles sein, was meinem Freund von diesem Kommentar bleibt. Nein, nicht ganz: Danke, dass du mir dieses Buch geliehen hast! Es hat mir ein Dutzend Stunden konzentrierten Lesens beschert.
Die meisten Bücher haben immer wieder Längen, die die Komplexität der Handlungsstränge vertiefen oder ein detaillierteres Bild der Beschaffenheit der Umgebung der Geschichte zeichnen. Wer sich J. R. R. Tolkiens “Herr der Ringe” zu Gemüte geführt hat, wird davon ein Liedchen zu singen wissen.
Nicht so mit diesem Werk, das es vollbringt, eine anfangs fast undurchschaubare, verstrickte Handlung so aufzubereiten, dass man nie das Gefühl hat, dass eine Textpassage überflüssig wäre und übersprungen werden könnte. Nein, über seine gesamten fast 700 Seiten hinweg bleibt es durchwegs fesselnd und weiß immer und immer wieder aufs Neue zu überraschen.
Aber dennoch gibt es auch Schwächen in diesem Buch, über die man nicht so einfach hinweg blicken kann. Da wären zum Einen die Protagonisten, die nicht annähernd so tiefgründig sind, wie es anfänglich wirkt, speziell die Vater-Sohn-analoge Beziehung zwischen Durza und Azoth hat das vorhandene Spannungspotential meines Erachtens bei weitem nicht ausgenutzt, ganz zu schweigen vom gewaltigen inneren Konflikt, in dem sich Durza offensichtlich befindet – obwohl er genau diesen verleugnet, mit dem denkwürdigen Mantra “Leben ist leer”. Ebenso sind einige Motive und Handlungen der Protagonisten zu einfach und gutgläubig gestrickt. Steigt der Autor zu Beginn noch in die glaubhaften Niederungen der menschlichen Natur hinab, in deren eindringlichen Schilderung sich gut die durch die vom Autor im Interview des Anhangs erwähnte Beeinflussung seiner zu einem Zeitpunkt mit missbrauchten Kindern arbeitenden Frau abzeichnet, so sind die bedingungslose Treue von Elene und Azoth angesichts ihrer speziellen Situationen schlicht klischeehaft.
In diesem Punkt sei auf das Werk “Im Sog der Zeit” von Peter F. Hamilton verwiesen, in dem er bei einem ähnlichen Anfang einen wesentlich menschlicheren und glaubwürdigeren Fortgang zeichnet.
Die mangelnde Entwicklung und fehlende Tiefe der Charaktere ist zwar ein handwerkliches Manko, beeinträchtigt den Lesespaß aber lange nicht so sehr wie die abgängige Bildsprache. Das Gefühl eines von selbst im Geiste aufblühenden, präzisen Bildes der Umwelt und des sozialen Milieus des Handelnden, wie es einem beispielsweise beim Lesen der Geschichten eines Sergej Lukianenkos geschieht, fehlt hier völlig. Die spärlichen Beschreibungen zeichnen ein wirres, unklares Bild. Am Ende des Buches fühlt man sich praktisch genau so verloren wie auf der ersten Seite und die meisten Gesichter bleiben undeutlich, verschwommen. Die Ausnahme von der Regel ist hierbei ironischerweise Puppenmädchen, welche von Beginn weg gut gezeichnet ist.
Schwerwiegend ist dies vor allem, weil die technisch überaus spannenden und meist überzeugenden Kampfszenen so eher zu einer kurzen, sachlichen Zusammenfassung schrumpfen als die Adrenalin-Produktion des Körpers anzufachen. Das Training des Schülers mit dem Meister etwa verkommt zu einer kurzen Schilderung der Vorgehensweise und der verwendeten Waffen und im Verlauf der Handlung taucht der Fortschritt des Lehrlings nur als Randnotiz auf. Die Möglichkeiten zur Beschreibung, die sich dem Autor bei den von ihm ersonnenen Auseinandersetzungen geboten haben, wurden von ihm nicht annähernd ausgeschöpft. Damit einher geht, dass sich einem nie die Härchen zu einer wohligen oder schaurigen Gänsehaut erheben, wie es gegensätzlich eine Trudi Canavan in ihren Büchern immer und immer wieder zu bewirken vermag.
So fesselnd und fantastisch die Handlung ist, so trocken ist sie auch. Prädestiniert für schwarzen Humor, Zynismus und Anspielungen überrascht der Autor mit einer faktisch ebenso witz- wie geistlosen Handlung, die kaum zum Denken anregt. Der Herr Kaffeetrinken eines Terry Pratchett zeigt, dass Assassinen durchaus über ein beachtliches Reservoir an Pointen oder erheiternden Anspielungen verfügen. Weeks angehender Mörder ist aber nicht nur selbst ein langweiliger Knochen, auch seine Mitmenschen scheinen nicht viel vom Scherzen zu halten.
Das Buch hat vieles nicht, es fehlen die Bildsprache und philosophischen Noten eines Lukianenko, die interessanten Charaktere und die unberechenbare Handlung eines Hamilton, die Persiflagen und die satirische Aufbereitung eines Pratchett und die Spannung und Empathie einer Canavan, aber es ist kurzweilig und flüssig zu lesen. Auf Filme übertragen wäre es wohl eine Mischung aus “Leon – Der Profi” und der Bourne-Trilogie – verlegt ins Mittelalter; ein purer Actionfilm, der einen gar nicht merken lässt, wie schnell die zwei Stunden um sind, einen aber weder nachdenklich noch erheitert zurück lässt.
Fazit: Anspruchsloser Lesegenuss, Leseempfehlung.
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Auszug von Amazon.de:
- Taschenbuch: 704 Seiten
- Verlag: Blanvalet Taschenbuch Verlag (15. Dezember 2009)
- Sprache: Deutsch
- ISBN-10: 3442266289
- ISBN-13: 978-3442266289
- Originaltitel: Night Angel 01. The Way of Shadows
- Größe und/oder Gewicht: 20,6 x 13,4 x 5 cm
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2 Responses.
[...] beschloss er, ihn lieber bei sich im Black Folium unterzubringen. So wurde aus dem Kommentar ein eigenständiges Buchreview, das ich hier gern [...]
Sehr gute Rezension, ich denke ähnlich über das Buch. Das ganze ist mir irgendwie wie die männliche Version der sicher guten, aber für mich uninteressanten Canavan Bücher vorgekommen. In Punkto schwarzer Humor möchte ich noch Abercrombie und Martin nennen, die etwas mehr Pepp haben. Ich suche gerade ähnliches für meinen Urlaub.